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Tagesspiegel. Berlin, Christian Schröder, 12.1.2007
Die Farbe des Abschieds. Starke Stimme, fragile Songs: Die Jazzsängerin Efrat Alony bekommt den Karl-Hofer-Preis. Von Christian Schröder.
Ein Song kann den Tag retten: die am Morgen aufgeschnappte Melodie, die bis zum Abend im Ohr hängen bleibt, zwei, drei Textzeilen, die noch lange nachhallen. Zum Beispiel: "The stranded sunshine on cold days in winter / The warmth that wraps me / When singing forgotten lullabies." Sanft angeschlagene Klavierakkorde wehen vorbei, der Bass grummelt melancholisch, darüber schwebt eine entrückt seufzende Altstimme. Sie zählt Lieblingserinnerungen auf, die kleinen Weltwunder des Alltags. Die klare Luft nach einem Gewitter, der Sprung in eiskaltes Wasser, tanzende Wellen auf einem See. Und das Sonnenlicht an kalten Wintertagen, die Wärme, die die Sängerin umhüllt, wenn sie ein vergessenes altes Lied singt.
"Musik ist wie nach Hause zu kommen, eine sehr große Ausgleichsmöglichkeit", sagt Efrat Alony. Davon handelt ihr Lied "Singing My Song", eine hinreißende Ballade, die gewissermaßen das Singen selbst besingt. Musik als Seelenheimat und Lebensanker. Eine solche Liebeserklärung von einer Sängerin klingt erst einmal wenig überraschend, allerdings findet sie sich auf einem Album mit dem Titel "Unarmed And Dazed", unbewaffnet und benommen. Der Titelsong beschreibt das Gefühl des Verlassenwerdens und kommt zu der bitteren Pointe: "Sometimes it's easier to be numb", manchmal ist es besser, betäubt zu sein. Es geht um Verluste und Abschiede, ein Stück heißt "The Color Of Endings". Eine auf Keyboardteppichen und Streicherwolken gebettete Schwermut durchzieht die Platte, die Gegenwelt dazu beschwört "Singing My Song": die Freude des Musizierens.
Efrat Alony sitzt in einem Café an der Kreuzberger Bergmannstraße, rührt in ihrer Tasse und wirkt überhaupt nicht schwermütig, eher: aufgekratzt. "Das letzte Jahr war super, auf einmal sitzt man vor einem Haufen guter Sache", sagt sie. "Unarmed And Dazed", ihr drittes Album, konnte die in Berlin lebende Israelin dank einer Koproduktion mit dem RBB in einem großen Studio aufnehmen, mit ihrem Jazzquartett und einer Streichergruppe. Anschließend schickte Alony die Aufnahmen an das Münchner Label Enja, eine Firma mit Weltruf, zu deren Künstlern einige ihrer Idole wie Abdullah Ibrahim oder Rabih Abou-Khalil gehören. Enja brachte die Platte tatsächlich heraus, die Kritiker überschlugen sich. Alonys Songs "weiten sich zu kleinen, mindestens ebenso sehr mit der Musik wie mit dem Text erzählten Ohrfilmen aus", befand die "Zeit". Und nun, noch ein Triumph, bekommt die Sängerin den mit 5000 Euro dotierten Jazz-Performance-Preis der Karl-Hofer-Gesellschaft. Die mit einem Konzert verbundene Preisverleihung findet dort statt, wo das Album eingespielt wurde: im Kleinen Sendesaal des RBB.
"Der Preis gibt Energie, er verleiht mir das Gefühl, dass sich meine Arbeit lohnt." Alony trägt eine seidig schimmernde Sweaterjacke, Bluejeans und schwarze Stiefel. Ihre schwarzroten Korkenzieherlocken wippen beim Erzählen. Sie spricht akzentfreies Deutsch, manchmal mischt sich eine englische Wendung in ihren Redefluss. "Truthful", so beschreibt Alony die Lieder ihrer Lieblingssängerin Joni Mitchell, und um diese größtmögliche Ehrlichkeit geht es ihr auch mit der eigenen Musik: die "pure Wahrheit" zu singen. "It's not my roots", sagt sie über die Standards von Gershwin, Irving Berlin und Cole Porter, das Songmaterial, auf das Jazzsängerinnen derzeit weltweit wieder besonders gerne zurückgreifen. Sie mag amerikanischen Jazz und hat auf ihrer ersten Platte auch "Everything Happens To Me" gesungen. Aber mit eigenen Stücken, findet sie, "habe ich viel mehr zu sagen".
Efrat Alony, 1975 als Tochter irakischer Einwanderer in Israel geboren, hat den Begriff "Jazz" erst kennengelernt, als sie nach Abitur und Militärdienst eine Ausbildung an einem Berklee College of Music assoziierten Konservatorium bei Tel Aviv begann. Sie konnte Klavier spielen, beherrschte aber keine Noten und hatte in einer Schülerband gesungen. In der Plattensammlung ihres Vaters war sie auf die Musik von Pat Metheny und den Beatles gestoßen. Ein nachhaltiger Einfluss: Auf "Unarmed And Dazed" verwandelt sie "She's Leaving Home" in eine minimalistische Klaviergeigennummer. Eigentlich wollte sie Psychologie studieren, "aber nach zwei Wochen auf dem Konservatorium war klar, dass für mein weiteres Leben nichts anderes infrage kommt als die Musik".
Alony setzte ihre Ausbildung an dem Berklee College in Boston fort und besuchte Kurse bei Jazzgrößen wie Bob Brookmeyer und Joe Lovano. Einer ihrer Kommilitonen war der deutsche Keyboarder Mark Reinke, dem sie 1997 an die Hanns-Eisler-Musikhochschule nach Berlin folgte. Reinke ist bis heute ihr wichtigster musikalischer Partner und Co-Autor vieler ihrer Stücke. Dass sie als Jüdin nach Deutschland ziehen wollte, sorgte in der Umgebung ihrer israelischen Familie für Befremden. "Manche fragten: Muss es unbedingt Berlin sein?" Heute fühlt sich Alony in der deutschen Hauptstadt "sehr wohl", an der Hanns-Eisler-Schule, wo sie nach ihrem Diplom gleich zur Lehrbeauftragten aufstieg, gibt es inzwischen eine eigene kleine Community israelischer Studenten.
In ihren Texten spielt die Sängerin mit Worten und Stimmungen, sie reiht Assoziationen aneinander, ohne den Liedern ihr Rätsel zu nehmen. Am Anfang von "Blindfolded", einem ihrer fragilsten Songs, stand ein Satz, in dem ein ganzer Roman verborgen sein könnte: "And she forgot all his fairytales". Daran hängt sie Beziehungsszenen und einen Gedankenstrom über den Zustand des Verblendetseins auf. "Mich interessieren Stücke, die mehrere Ebenen haben, wo die Harmonien aufgebrochen werden, Musik und Text miteinander in Spannung stehen", sagt sie. Im Herbst will Efrat Alony mit neuen Kompositionen ins Studio gehen.
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Berliner Morgenpost, Josef Engels 12.1.2007
Eine wandlungsfähige Geschichtenerzählerin. Die israelische Sängerin Efrat Alony erhält den Jazz-Performance-Preis der Karl-Hofer-Stiftung. Von Josef Engels.
"Ich werde mit Leuten verglichen, die ich kaum kenne": Efrat Alony
Eigentlich hätte sich die israelische Sängern Efrat Alony freuen müssen. Im Juli erhielt sie einen Anruf, in dem ihr mitgeteilt wurde, dass man ihre Arbeit in Berlin außerordentlich schätze. Und zwar so sehr, dass man ihr den Jazz-Performance-Preis der Karl Hofer Gesellschaft zuerkannt habe. Ein schöner Erfolg für die Sängerin. "Aber ich dachte nur: Wen interessiert das? Der Preis hatte für mich in diesem Moment überhaupt keine Relevanz", erinnert sich die 31-Jährige.
Als ihr Handy klingelte, befand sie sich nämlich mitten im Krieg. Die Hisbollah beschoss ihre Heimatstadt Haifa, ihr Cousin war gerade als Reservist eingezogen worden. "Haifa war eine Geisterstadt. Kein Auto auf der Straße. Kein Mensch am Strand. Nur kreisende Apache-Hubschrauber am Himmel. Es war vollkommen surreal." In diesem Moment habe sie etwas verstanden, erzählt die Sängerin. Es sei keine Lebensnotwendigkeit, Musik zu machen. Selbst, wenn man dafür einen Preis zuerkannt bekommt.
Am schwierigsten aber, erinnert sich die Sängerin, sei es gewesen, sich nach ihrem Israelaufenthalt wieder in Deutschland zurechtzufinden. "Die ersten drei Tage, als ich wieder zurück war, waren hart. Dieses Gefühl, an einen Ort zurückzukehren, wo das Leben völlig normal ist: ich fühlte mich fast schuldig." Mittlerweile, mit ein wenig zeitlicher Distanz kann sich die Israelin, die seit neun Jahren in Berlin lebt, über die Auszeichnung der Karl Hofer Gesellschaft freuen. Verdient hat sie Efrat Alony allemal. Schon mit ihrer ersten CD, die 2002 unter dem Titel "Merry-Go-Round" herauskam, ließ die damals frisch gebackene Absolventin der Hanns-Eisler-Musikhochschule aufhorchen. Da sang jemand, der sich nicht so einfach in Schubladen einordnen ließ. Steve Gray, Alonys Kompositions-Dozent, brachte die Einzigartigkeit seiner Schülerin auf den Punkt. Ins CD-Booklet schrieb er: "Ich glaube nicht, dass ich ihr in den Seminaren viel helfen konnte. Da ich nicht wusste, woher diese Stücke kommen, konnte ich gar nicht sagen, wo sie hinführen sollen. Es gibt wenige Leute, die so etwas singen können. Geschweige denn so etwas überhaupt zu komponieren vermögen."
Inzwischen, mit der dritten und überaus gelungenen Platte "Unarmed and Dazed", haben sich die Nebel ein wenig gelegt. Geheimnisvoll ist das freilich immer noch, wie Alony zwischen Pop- und Kunstlied, zwischen Jazz und moderner Klassik, zwischen Streichquartett und Piano-Trio als Geschichtenerzählerin mit enorm wandlungsfähiger Stimme vermittelt. Es herrscht bei den Musik-Experten nach wie vor Verwirrung, wie diese Frau denn nun klinge: Wie Joni Mitchell oder Edie Brickell? Wie Susi Hyldgard oder Sarah Jane Morris? Efrat Alony nimmt das interessiert zur Kenntnis. Sie befindet: "Ich werde teilweise mit Leuten verglichen, die ich kaum kenne". Und auch der Jazz, den sie am renommierten Berklee College in Boston und in Berlin studierte, sei ihr keinesfalls in die Wiege gelegt worden. "Als ich in Israel aufwuchs, wusste ich gar nicht, was das sein soll."
Als Basis für ihren von allen Zwängen befreiten Personal-Stil scheint die Improvisationsmusik trotzdem bestens zu funktionieren. Obwohl es Durchsetzungskraft brauchte. In Boston wurde Alony mit den Bebop Traditionszwängen konfrontiert - "man muss da erst mal alles bedienen können, bevor man anfangen kann, über etwas anderes nachzudenken. Ich wollte aber nie etwas bedienen!" In Berlin, wo es sie der Liebe wegen verschlug, gab man ihr vorurteilsfrei das Rüst- und Handwerkszeug, um ihr eigenes Ding zu machen. Dennoch meint sie: "Beim Jazz haben sich die Deutschen freiwillig in eine super-komplizierte, experimentelle Ecke gestellt. Zumindest in Berlin ist das so. Das hat mir sicherlich viel gegeben, das abgefahrene Zeug. Ich glaube aber: wenn dann nur fünf Leute im Publikum sitzen, hat das irgendwie keinen Wert." Vielleicht braucht es die israelische Erfahrung der Bedrohung als Normalfall und der kreisenden Apache-Hubschrauber, um in der Musik mehr zu sehen als eine bloße virtuose Befriedigung der eigenen Eitelkeit.
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